Drucken

Hilfe, ein Radweg!

Bewertung: 5 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern aktiv
 
Wir sind Radbot*innen. Das ist unschwer zu erkennen. Als in Österreich tätiges Gewerbe müssen wir eine Pflichtmitgliedschaft an die WKO, die Wirtschaftskammer, zahlen. Ein Teil dieser Einnahmen geht in die Produktion der Mitgliederzeitung "Wiener Wirtschaft". Dass wir kürzlich auch in diesem Blatt sehr autozentristisch über die "drohende Staugefahr" durch den geplanten Radweg auf der Linken Wienzeile lesen mussten, hat uns dann schon etwas gewundert.

(Hier der Link zum PDF der Ausgabe)

Nachdem uns niemand nach unserer Meinung gefragt hat, haben wir uns selbst bei der WKO Gehör verschafft. Mit einem Leserbrief (siehe unten). Es kam auch prompt eine Ru(e)ck-Antwort (siehe weiter unten) vom Präsidenten der Wirtschaftskammer Wien.

Überspitzte Kurz-Fassung: Die Medien sind schuld. Und der Bezug zur städtischen Logistik fehlt völlig. 

Wir freuen uns jedenfalls über Mitglieder der Wirtschaftskammer und auch sonst über alle, die mit der Nutzung von Fahrradbot*Innen-Diensten einen Beitrag zur nachhaltigeren Städtelogistik leisten wollen! 


Eure
Hermes RadbotInnen

 
Von: Hermes RadbotInnen <Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!> Gesendet: Montag, 26. August 2019 12:01 An: Ruck Walter, WKW <Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!> Betreff: Hilfe ein Radweg

Sehr geehrter Herr Ruck,

Wir sind über den Titel der letzten WKÖ-Zeitung "Neuer Radweg linke Wienzeile: Staus sind vorprogrammiert" zutiefst schockiert und persönlich getroffen.
Als Hermes RadbotInnen sind wir Teil der wachsenden Zahl von Wirtschaftstreibenden in Wien, die nicht (oder nur bedingt) vom Auto abhängig sind. Und auch wir sind zahlendes Mitglied der WKÖ!
Dank neuen Radwegen stehen wir nicht mehr im Autostau, sondern können unsere zahlreichen Kund*innen - z.B. entlang der Wienzeile, die gerne auf umweltfreundliche Mobilität setzen, noch schneller beliefern als sonst.

Mittlerweile haben sich die großen Zulieferfirmen Lastenräder angeschafft, weil sie die Effizienz dieser Zustellmethode in der Stadt erkannt haben (geringere Stauanfälligkeit, keine Parkplatzsuche, weniger Stress für die Zusteller*innen,...).
Darüber hinaus erkennen immer mehr Firmen, aber auch sonstige Entscheidungsträger*innen, wie wichtig es vor allem in Städten ist vom Auto-Dogma abzukommen und klimafreundlicherem Transportalternativen Raum zu geben.

Leider gibt es in gewissen politischen und wirtschaftlichen Kreisen aber immer noch sehr rückschrittliche Denkweisen, die sich schon in der Vergangenheit immer wieder als falsch erwiesen haben: Graben und Kärntner Straße würde aussterben ohne Parkplätze hieß es damals, die Mariahilfer Straße würde im Chaos versinken hieß es vor kurzem, jetzt also die Wienzeile.

Wir hoffen, dass die WKÖ - im Sinne einer Vertreterorganisation für ALLE ihre Mitglieder - auf eine zukunftsfähigere städtische Transportpolitik umschwenkt und nicht einseitige Schwarzmalerei als billiges Druckmittel nutzt. Fragen Sie einmal Ihre Mitglieder, wie viel Sinn es macht, in Wien Fahrradbot*Innen-Dienste zu nutzen. Oder probieren Sie es selbst einmal aus.

Wir treten gerne für eine nachhaltigere städtische Logistik noch mehr in die Pedale!

MfG
Ihre Hermes RadbotInnen

 
Sehr geehrte Hermes RadbotInnen,

vielen Dank für Ihr Schreiben, das uns ermöglicht eine vertiefende Stellungnahme zum Straßenbauprojekt in der Linken Wienzeile abzugeben. Fakten, die einige Medien gebracht haben, andere haben einen differenzierten Schwerpunkt bei ihrer Berichterstattung gewählt.

Vorweg, die Kritik der Wirtschaftskammer Wien richtet sich nicht gegen den wichtigen Ausbau der Radfahrinfrastruktur. Ganz im Gegenteil, seitens der Wirtschaftskammer Wien wird der sukzessive Ausbau des Radwegenetzes begrüßt und unterstützt.
Eine Weiterentwicklung hin zu einer klimaschonenden Individualmobilität in Städten ist alternativlos. Die Art und Weise der Projektentwicklung seitens der Alt-Vizebürgermeistern kann von der Wirtschaftskammer Wien jedoch nicht positiv interpretiert werden. Ich erlaube mir Ihnen, drei zentrale Punkte näher auszuführen:

- Herstellung einer Radweginfrastruktur am Limit: Breite in der Linken Wienzeile: 2,03m. Technisch akzeptierte Mindestbreite: 2,00m (RVS-Richtlinie). Dies bedeutet, dass bei einem – hoffentlich – ansteigenden Radverkehrsaufkommen und bei einer Zunahme von (zum Teil breiteren) Lastenfahrrädern, diese zentrale Infrastruktur in wenigen Jahren um sehr viel Geld erneut umgebaut werden muss. Das ist nicht wirtschaftlich und bedeutet für die anrainenden Betriebe (über 500) eine erneute, massive Beeinträchtigung. Dieses Argument wurde von uns immer wieder ins Treffen geführt, stieß jedoch auf kein Verständnis.

- Keine alternativen Ansätze zulassen: Wie bei allen großen Umgestaltungsprojekt in Wien sind Alternativrouten/-lösungen zur Abwägung der sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Aspekte zentrale Bestandteile im Planungsverfahren. Bei diesem Bauprojekt hat man die Chance nur halbherzig genutzt. Im Sinne der Nachhaltigkeit einer Millioneninvestition ist das aus Sicht der Wirtschaftskammer Wien weder ein zweckmäßiger noch ein wirtschaftlicher Zugang.

- Wahl des Bauzeitpunktes: Anders als in Wien aus gutem Grund üblich, muss dieses Projekt von September bis Dezember 2019 umgesetzt werden, da in den Sommermonaten durch den U4-Ersatzverkehr keine weiteren Beeinträchtigungen in diesem Bereich möglich waren.
Unsere Forderung dieses Projekt auf 2020 zu verschieben und damit die Belastung im Straßenverkehr abzufedern, wurde ignoriert. Dieses Projekt musste auf politischen Wunsch der Alt-Stadträtin noch heuer umgesetzt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bauzeit in die Vorweihnachtszeit – einer der umsatzstärksten Zeiten im Jahr, auch für die Betriebe in der Linken Wienzeile – fällt.

Dieser „alternativlose“ Zugang bei der Weiterentwicklung unserer Stadt ist nicht im Sinne der Wiener Wirtschaft. Ich kann Ihnen versichern, dass wir im Rahmen unserer Tätigkeiten, auch weiterhin auf eine qualitätsvolle Planung der Verkehrsinfrastruktur in Wien drängen, denn neben den sozialen und ökologischen Aspekten hat die Wirtschaftskammer Wien die Aufgabe die Wirtschaftlichkeit von öffentlichen Millioneninvestitionen im Sinne der Wiener Wirtschaft einzufordern oder - wie in diesem Fall - kritisch zu hinterfragen.

Für weitere Rückfragen steht Ihnen Herr Manfred Riedler MSc, MBA (T: +43 1 514 50 1405, E: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!) gerne zur Verfügung.

Beste Grüße
Ihr Walter Ruck


DI Walter Ruck
Präsident Wirtschaftskammer Wien